Andrea Bina

5. März 2009, Ärztekammer Linz

Edwin Land sieht die Fotografie als einen Teil der menschlichen Kommunikation:

„Fotografie kann so etwas sein wie ein besonderer Sinn oder eine Vorratskammer für die Sinne. Selbst wenn sie nicht auf den Auslöser drücken, hilft ihnen der Blick durch den Sucher, sich an eine Person oder einen Moment im nachhinein besser zu erinnern. Die Fotografie kann den Menschen lehren, so zu schauen, zu empfinden und zu erinnern, wie er es ohne Fotografie gar nicht für möglich gehalten hätte.“

… unter anderem: Trophäen …

Norbert Artner setzt Maßstäbe in Linz an der Donau und naturgemäß auch darüber hinaus. Es sind Maßstäbe unterschiedlichster Art und Profession. Er arbeitet als Fotograf, als Graphiker, als Lehrender an der Kunstuniversität und als Künstler.

Norbert Artner ist und das weiß ich aus jahrelanger persönlicher Erfahrung aufgrund gemeinsamer Arbeit, ein multitasking Allroundgenie. Als Fotograf ist er u.a. am Linzer Landestheater unentbehrlich. Als Graphiker produziert er seit Jahren zahlreiche Kunst- und Kulturpublikationen u.a. für das Festival der Regionen, der Kunstuniversität, dem Ars Electronica Festival, dem Offenen Kulturhaus und dem Lentos Kunstmuseum. Als Lehrender unterrichtet er an der Kunstuniversität, der Ort, wo er selbst sein Studium absolviert hat. Es sind unterschiedliche Bereiche, wie es auf den ersten Blick scheint, doch ist es wirklich so.

Norbert Artner als Künstler: Mit diesem Teil seines Lebens wollen wir uns heute näher beschäftigen.

„Eigentlich wollte er Kapitän auf der schönen blauen Donau werden, aber das ist eine andere Geschichte.“

Norbert Artner macht bei der Ausstellungsreihe „Kunst in der Kammer“, bei der künstlerische Fotografie in Oberösterreich fokussiert werden soll, den Auftakt. Er zeigt einen Querschnitt durch seine künstlerische Arbeit der letzten Jahre und berücksichtigt dabei folgende Werkgruppen: Trophäen, Last Minute und Kontext Linz.

Eine Trophäe, das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet Siegeszeichen, ist ein Objekt, das als Zeichen des Triumphes über eine Person, eine Sache oder etwa eine Bedrohung bzw. eines Risikos dient.

Das Nehmen von Trophäen vom Wild geht bis auf die Urzeiten der Jagd zurück. Zum Teil als Kulthandlung zur Abwehr der Geister der getöteten Tiere, zum Teil auch als Anlockmittel für andere Tiere. Jeder Jäger sollte auch genauestens darüber Bescheid wissen, welche Trophäen er von welchem Tier bzw. Wildarten nehmen sollte.

Norbert Artners Beschäftigung mit dem Thema Trophäen, die neuerdings eine Renaissance erlebt, ja förmlich modern zu sein scheint, geht auf eine Ausstellungseinladung in Bad Ischl, in der Hochburg der Sommerfrische im Salzkammergut, gemeinsam mit der Künstlerkollegin Margit Feyrer-Fleischanderl, im Jahr 2007, zurück. Der Fotograf Artner unternahm den Versuch, mit dieser Serie Bezüge zum Salzkammergut, zum Kaiserort Bad Ischl, herzustellen. Und so begann die Spurensuche des Künstlers: Jedoch nicht die Kaiservilla mit ihren hunderten Jagdtrophäen, Krickerln und ausgestopften Tieren oder gar der Kaiser selbst mit seinem schier unbändigen kaiserlichen Jagdtrieb samt seinen Trophäen schienen interessant. Nicht das Einst und Jetzt, sondern der Besuch von Zeitgenossen und deren persönliche Trophäen sowie deren Umgang damit war das Ziel. Denn im Grund kommt es nicht auf die Adjektive und Etiketten an, sondern auf die Weise des fotografischen In-Beziehung- tretens.

- Wundervoll: Vogelstrauß, Gämse, Waschbär und Fuchs sowie ein Auerhahn und Kollegen; Der Blick in das Vorratslager eines Tierpräperators im Salzkammergut

- Hintergründig: Ein Krickerl auf einem Koffer liegend im Linzer Keller eines stadtbekannten Komponisten und Musikers (Peter Androsch)

- Überraschend: Fisch, Krokodil; vorgefundene Situationen im Depot eines Museums im Salzkammergut

- Jenseitig: Eisbär und Elch in einer privaten Garage in Linz

- Skurril: Ein Stillleben bestehend aus Fisch am Holzbrett auf Blümchentapete, anbei eine Lehrtafel eines Pflanzenherbariums sowie ein Vogelkäfig; das alles in einem privaten Refugium eines Sammlers

1987 beim steirischen herbst stellte Otto Breicha sich und seinen LeserInnen in seinem Aufsatz „Menschlich wahrgenommen, fotografisch bespiegelt“ zur Ausstellung „Österreichische Fotografen fotografieren österreichische Tiere“ ähnliche Fragen zu diesem Thema: Ist eine Gämse aus dem Salzkammergut anders (und warum anders?) als eine Gämse aus Graubünden, ein in Wien beheimateter Papagei verschieden von einem auf Sumatra?

Vielerorts ist im Moment eine Auseinandersetzung mit ausgestopften – eben - präparierten Tieren - zu beobachten: Bei der aktuellen Ausstellung „Best of Austria“ im Lentos Kunstmuseum gibt es zwei Exponate die ihren Ausgang bei einem Tierpräparat nehmen: Die Position der Wiener Künstlerin Deborah Sengl, die Irritation aufgrund von einer künstlich komponierten Tierrasse erzeugt: Ein zähnefletschendes Tierobjekt: Halb Löwe - Halb Zebra. Anders beim italienischen Künstler Maurizio Cattelan: bei seinem Objekt Richard I. handelt es sich um ein präpariertes Kaninchen das Löwenaugen hat. Auch das Linzer Zimmer in der Ausstellung „Linz Blick“ hat neben einem Fernrohr zur Überprüfung der Aussicht seine eigene Trophäe an der handgewalzten Wand: ein Wels schaut geduldig, nur durch eine Glasscheibe getrennt, auf seine Kollegen in der schönen blauen Donau!

Kennzeichnend für die Fotografien Artners ist das Arbeiten in Serie – und nicht der Ort der Repräsentation erscheint dem Künstler wichtig, es sind nicht die Prunkräume oder Ausstellungskabinette der Museen, die er mit der Kamera einfängt, sondern genau das Gegenteil davon interessiert ihn: Das Verborgene, das „Hinter die Kulissen“ Schauen, das scheinbar Vergessene: die von ihm portraitierten Tiere sind durchwegs mumifizierte Objekte, sie sind präpariert, konserviert, wahrscheinlich desinfiziert, möglicherweise katalogisiert und eventuell nummeriert, aber sie sind allesamt nicht zur Schau gestellt, denn sie befinden sich durchwegs im Depot, im Keller, in der Garage. Seine Motive sind niemals arrangiert, sondern immer vorgefunden. Gibt es dahinter Verborgenes? Womöglich Abgründe? Menschen sind hier abwesend, eine paradoxe Nähe zu ihnen offenbart sich dennoch, denn es ist auch eine Strategie die Menschen zu zeigen, indem man sie nicht zeigt, sondern nur das Umfeld, in dem sie ihre Spuren hinterlassen haben: Spuren des Seins. Es ist aber auch eine Geschichte von Alltäglichkeit: Dinge werden abgestellt und vergessen, in der Folge verschmelzen sie mit dem Ort und erlangen so eine neue Bedeutung. Die Situationen haben somit etwas Absurdes und zugleich Poetisches an sich.

Wenngleich die Auswahl der Motive konzeptuell ist - denn jedem Ausschnitt durch das Objektiv geht meist eine räumliche Auseinandersetzung voraus - so erfährt der künstlerische Vorgang, die Einschätzung und Handlung des fotografischen In-Beziehung-Tretens eine unmittelbare Umsetzung. Die technischen Möglichkeiten die er einsetzt, erreichen höchste Präzession in der Abbildung. Selten werden die Aufnahmen nachträglich noch am PC beschnitten. Die Farbfoto-grafien der Werkgruppe der Trophäen, allesamt 100 x 70 cm im Format, bei denen ein wesentlicher Gestaltungsfaktor das Licht ist, das den Bildern oft eine nahezu malerische Qualität gibt - denn Vorbilder aus der Malerei wie etwa der belgische Maler René Magritte, faszinieren den Künstler - werden mit einem speziellen Pigment Druckverfahren auf Fine Art Papier gebracht, das eine 200 jährige Haltbarkeit verspricht.

Bei den Nachtbildern wendete Artner die Technik Nightshot bzw. Infrarotfotografie an. Das hat naturgemäß auch mit Zeitknappheit zu tun: Oftmals lässt nur die Nacht künstlerische Prozesse zu, da während des Tages oft keine Zeit aufgrund anderer Tätigkeiten übrig bleibt.

Kontext Linz behandelt unterschiedliche topografische Verortungen in der Stadt: Tunnelbau am Bindermichl, Umschlagplatz Linzer Hafen, eine Landstraßenkreuzung in der Nähe des Flughafens. Vertraute Straßenzüge und Plätze im Linzer Stadtraum sind kaum wiederzuerkennen. Die Orte, schon viele Male mit dem Auto befahren, zu Fuß begangen, erscheinen dem Rezipienten nur annähernd bekannt, dort wo am Tag emsige Betriebsamkeit herrscht, ist es still und ruhig, kein Lebewesen ist sichtbar.

Irene Gunnesch schrieb dazu in den OÖN: “Segmentarische Flächen von Autobahnpfeilern, von Häusern, werden in Artners Bildern zu Trägern eines Lichts, dessen Magie einen frappanten Kontrapunkt zur Trostlosigkeit der gewählten Szenerie darstellt. Artners Fotos vermitteln eine Bilderkraft, die eines Edward Hopper ebenbürtig ist.“

Im Sommer 2007 begab sich Artner auf Einladung der Galerie der Stadt Wels mittels eines Last Minute Fluges an eine gut frequentierte Urlaubsdestination und somit auf die Spuren des Massentourismus in Bulgarien. Vier Medienkünstler, darunter auch Norbert Artner, sollten sich den Szenarien aus einer individuellen künstlerischen Perspektive annähern. Auch in diesem Kontext interessierten den Künstler wiederum menschenleere und verlassene Szenerien. Durch die grieselige Auflösung der Night Shot Kamera entstanden auch hier Fotografien die düstere und verlassene Assoziationen wecken: hinter einem Holzzaun steht ein Wohnwagen, davor sind Teile einer Achterbahn von einem Jahrmarkt achtlos positioniert, der Strand in der Nacht mit seinen aufeinandergestapelten Liegen, dazu abgespannte Sonnenschirme, ein Hochstand für den Bademeister und gleichzeitig Bauruinen; schwer kann man sich den gleichen Ort in Farbe mit all seinen Menschen und dem bunten Treiben vorstellen.

„Die Beute, die der Fotograf - wenn sein Jagdzug Erfolg hat - mit nach Hause trägt, ist ein Bild, das einen präzise zu fassenden historischen Moment festhält und zugleich diesen in eine bildliche Komposition bannt, die ihm eine überzeitliche Komposition verleihen soll. Wenn nun der Fotograf wie auch der spätere Betrachter die Fotografien ansehen, so soll sich ihnen die Magie des Augenblicks gerade dadurch vermitteln, daß die Bilder Kompositionsregeln gehorchen, die den Moment unvergänglich machen.“

Der berühmte Fotograf Henri Cartier-Bresson über den entscheidenden Augenblick, den der Fotograf Norbert Artner auf das wundervollste einzufangen vermag.


1 Aus: Die Wahrheit der Fotografie. Klassisches Bekenntnis zu einer neuen Kunst. Hrsg. Wilfried Wiegand, Verlag S. Fischer. Frankfurt am Main, S. 289 2 Breicha, Otto: Österreichische Fotografen fotografieren Österreichische Tiere. Katalog zur Fotoausstellung im Kulturhaus der Stadt Graz. steirischer herbst `87. Seite 4. 3 Aus: Bernd Stiegler, Bilder der Photographie, Ein Album photographischer Metaphern, Suhrkamp 2461, Frankfurt am Main, 2006, S. 50.< back