Kunst in der Kammer

Andrea Bina, (Eröffnungsrede zur Ausstellung "Kunst in der Kammer", Ärztekammer Linz, 5. März 2009)

Eine Trophäe, das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet Siegeszeichen, ist ein Objekt, das als Zeichen des Triumphes über eine Person, eine Sache oder etwa eine Bedrohung bzw. eines Risikos dient.

Das Nehmen von Trophäen vom Wild geht bis auf die Urzeiten der Jagd zurück. Zum Teil als Kulthandlung zur Abwehr der Geister der getöteten Tiere, zum Teil auch als Anlockmittel für andere Tiere. Jeder Jäger sollte auch genauestens darüber Bescheid wissen, welche Trophäen er von welchem Tier bzw. Wildarten nehmen sollte.

Norbert Artners Beschäftigung mit dem Thema Trophäen, die neuerdings eine Renaissance erlebt, ja förmlich modern zu sein scheint, geht auf eine Ausstellungseinladung in Bad Ischl, in der Hochburg der Sommerfrische im Salzkammergut, gemeinsam mit der Künstlerkollegin Margit Feyrer-Fleischanderl, im Jahr 2007, zurück. Der Fotograf Artner unternahm den Versuch, mit dieser Serie Bezüge zum Salzkammergut, zum Kaiserort Bad Ischl, herzustellen. Und so begann die Spurensuche des Künstlers: Jedoch nicht die Kaiservilla mit ihren hunderten Jagdtrophäen, Krickerln und ausgestopften Tieren oder gar der Kaiser selbst mit seinem schier unbändigen kaiserlichen Jagdtrieb samt seinen Trophäen schienen interessant. Nicht das Einst und Jetzt, sondern der Besuch von Zeitgenossen und deren persönliche Trophäen sowie deren Umgang damit war das Ziel. Denn im Grund kommt es nicht auf die Adjektive und Etiketten an, sondern auf die Weise des fotografischen In-Beziehung- tretens.

- Wundervoll: Vogelstrauß, Gämse, Waschbär und Fuchs sowie ein Auerhahn und Kollegen; Der Blick in das Vorratslager eines Tierpräperators im Salzkammergut

- Hintergründig: Ein Krickerl auf einem Koffer liegend im Linzer Keller eines stadtbekannten Komponisten und Musikers (Peter Androsch)

- Überraschend: Fisch, Krokodil; vorgefundene Situationen im Depot eines Museums im Salzkammergut

- Jenseitig: Eisbär und Elch in einer privaten Garage in Linz

- Skurril: Ein Stillleben bestehend aus Fisch am Holzbrett auf Blümchentapete, anbei eine Lehrtafel eines Pflanzenherbariums sowie ein Vogelkäfig; das alles in einem privaten Refugium eines Sammlers

1987 beim steirischen herbst stellte Otto Breicha sich und seinen LeserInnen in seinem Aufsatz „Menschlich wahrgenommen, fotografisch bespiegelt“ zur Ausstellung „Österreichische Fotografen fotografieren österreichische Tiere“ ähnliche Fragen zu diesem Thema: Ist eine Gämse aus dem Salzkammergut anders (und warum anders?) als eine Gämse aus Graubünden, ein in Wien beheimateter Papagei verschieden von einem auf Sumatra?

Vielerorts ist im Moment eine Auseinandersetzung mit ausgestopften – eben - präparierten Tieren - zu beobachten: Bei der aktuellen Ausstellung „Best of Austria“ im Lentos Kunstmuseum gibt es zwei Exponate die ihren Ausgang bei einem Tierpräparat nehmen: Die Position der Wiener Künstlerin Deborah Sengl, die Irritation aufgrund von einer künstlich komponierten Tierrasse erzeugt: Ein zähnefletschendes Tierobjekt: Halb Löwe - Halb Zebra. Anders beim italienischen Künstler Maurizio Cattelan: bei seinem Objekt Richard I. handelt es sich um ein präpariertes Kaninchen das Löwenaugen hat. Auch das Linzer Zimmer in der Ausstellung „Linz Blick“ hat neben einem Fernrohr zur Überprüfung der Aussicht seine eigene Trophäe an der handgewalzten Wand: ein Wels schaut geduldig, nur durch eine Glasscheibe getrennt, auf seine Kollegen in der schönen blauen Donau!

Kennzeichnend für die Fotografien Artners ist das Arbeiten in Serie – und nicht der Ort der Repräsentation erscheint dem Künstler wichtig, es sind nicht die Prunkräume oder Ausstellungskabinette der Museen, die er mit der Kamera einfängt, sondern genau das Gegenteil davon interessiert ihn: Das Verborgene, das „Hinter die Kulissen“ Schauen, das scheinbar Vergessene: die von ihm portraitierten Tiere sind durchwegs mumifizierte Objekte, sie sind präpariert, konserviert, wahrscheinlich desinfiziert, möglicherweise katalogisiert und eventuell nummeriert, aber sie sind allesamt nicht zur Schau gestellt, denn sie befinden sich durchwegs im Depot, im Keller, in der Garage. Seine Motive sind niemals arrangiert, sondern immer vorgefunden. Gibt es dahinter Verborgenes? Womöglich Abgründe? Menschen sind hier abwesend, eine paradoxe Nähe zu ihnen offenbart sich dennoch, denn es ist auch eine Strategie die Menschen zu zeigen, indem man sie nicht zeigt, sondern nur das Umfeld, in dem sie ihre Spuren hinterlassen haben: Spuren des Seins. Es ist aber auch eine Geschichte von Alltäglichkeit: Dinge werden abgestellt und vergessen, in der Folge verschmelzen sie mit dem Ort und erlangen so eine neue Bedeutung. Die Situationen haben somit etwas Absurdes und zugleich Poetisches an sich.

Wenngleich die Auswahl der Motive konzeptuell ist - denn jedem Ausschnitt durch das Objektiv geht meist eine räumliche Auseinandersetzung voraus - so erfährt der künstlerische Vorgang, die Einschätzung und Handlung des fotografischen In-Beziehung-Tretens eine unmittelbare Umsetzung. Die technischen Möglichkeiten die er einsetzt, erreichen höchste Präzession in der Abbildung. Selten werden die Aufnahmen nachträglich noch am PC beschnitten. Die Farbfoto-grafien der Werkgruppe der Trophäen, allesamt 100 x 70 cm im Format, bei denen ein wesentlicher Gestaltungsfaktor das Licht ist, das den Bildern oft eine nahezu malerische Qualität gibt - denn Vorbilder aus der Malerei wie etwa der belgische Maler René Magritte, faszinieren den Künstler - werden mit einem speziellen Pigment Druckverfahren auf Fine Art Papier gebracht, das eine 200 jährige Haltbarkeit verspricht.

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