Martin Hochleitner - Die changierende „Studiofotografie“ von Norbert Artner

KUNSTFORUM International, Band 208



Seit knapp vier Jahren arbeitet der österreichische Künstler Norbert Artner an einem Werkkomplex von fotografischen Bildern über Ateliers. Ausgangspunkt seiner Werke ist ein dreifaches Interesse an die Produktionsbedingungen von Kunst: die unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen und Zugänge, die atmosphärische Wirkung der Ateliers und der experimentelle Charakter der Orte. Sein Ziel sind Aufnahmen, die im Prozess ihrer Entstehung selbst ein Äquivalent zum Thema Atelier bilden.

In der Atelier-Serie konzentriert sich Artner ausnahmslos auf die jeweilige Werkstatt der Künstler. Die Person selbst wird nicht porträtiert. Bislang gibt es knapp vierzig Aufnahmen, die in ihrem Zustandekommen jeweils die auf persönlichen Kontakte sowie Lebens- und Arbeitssituationen Artners verweisen. Der Großteil der Bilder verortet sich in Österreich und Deutschland. Zuletzt entstanden durch einen längeren Arbeitsaufenthalt auch mehrere Fotografien in China. Die meisten dargestellten künstlerischen Positionen sind Artner durch Kontexte bekannt wie die Linzer Kunstuniversität, das Festival der Regionen, die Stadtwerkstatt oder verschiedene Kooperationen. Sie stehen damit insgesamt für ein spezifisches Betriebssystem Kunst, in dem sich der Künstler bewegt. Die Ausarbeitung und Präsentation der Bilder erfolgt in großen Formaten und mit der Wirkung fotografischer Tableaus.

Begriff „Studiofotografie“

Als Norbert Artner Anfang 2010 erstmals eine Auswahl der Serie in einem gemeinsamen Projekt des OK Offenes Kulturhauses und der Kunstsammlung des Landes Oberösterreich in Linz zeigte, wählte er für seine Ausstellung den Titel „Studiofotografie“. Damit erzeugte er ein Wortspiel, das auf mehreren Ebenen ikonografische, historische und mediale Zuordnungen berührt. An der begrifflichen Schnittstelle von Studio und Atelier öffnet der Titel einen programmatischen Referenzraum, in dem sich einerseits – und in einer subtilen Verflechtung mit Perspektiven auf das 19. Jahrhundert – die lange Bildgeschichte von Ateliers als Arbeits- und Repräsentationsorte von Künstlern wie Gustave Courbet, Hans Makart, Franz von Lehnbach, Auguste Rodin und Adolph von Menzel mit der Atelierfotografie als einer frühen Entwicklungsstufe des Mediums an sich verbindet. Andererseits steht der Begriff Studiofotografie in seiner heutigen Anwendung auch für ein Bild, das als herbeigeführte Inszenierung und unter den quasi perfekten Möglichkeiten eines Studios entstanden ist.

Reflexion auf der Metaebene

Auf den ersten Blick funktionieren Norbert Artners Fotografien von Ateliers als Dokumentationen von Produktionsorten der Gegenwartskunst und erlauben durch ihre Präzision eine detaillierte Spurensuche zu Arbeitsprozessen, möglichen Referenzen, Archivsystemen, Ordnungsstrukturen und persönlichen Notizen der jeweiligen Künstler. Genau an diesem Punkt geballter Bildinformation kippt das Bild allerdings auch in einen hyperrealen Zustand, der untrennbar mit dem speziellen Aufnahmeverfahren verbunden ist. So besteht jedes Bild selbst aus rund 60 Einzelaufnahmen, die in einem zweiten Arbeitsschritt zu einem fotografischen Tableau zusammengefügt werden. Die fertige Arbeit vermittelt sich somit in einem transitorischen Zustand zwischen der fotografischen Dekonstruktion eines Wirklichkeitsausschnitts und der Konstruktion eines als real empfundenen Bildes.

Obwohl Artners Methode grundsätzlich auch bei anderen Motiven bzw. Themenfeldern anwendbar wäre, erscheint sie in der Ausrichtung auf das Atelier besonders schlüssig verwendet zu sein. Das Atelier als ein wie auch immer verstandener Ort der Konzeption und Produktion von Kunst wird durch Artners Verfahren gleichsam auf einer Metaebene reflektiert. Die in seiner Bezugnahme auf verschiedenste künstlerische Positionen fassbare Strategie der Appropriation, ist dabei vor allem eine Suche nach der Darstellbarkeit von Referenzen, Prozessen und Bedingungen der Werkentstehung sowie der individuellen Fassbarkeit von Faktoren des Betriebssystems Kunst.

Jenseits von Mythen

Wenn zuvor der Begriff der Studiofotografie mit dem Hinweis auf ein spezielles System der Aufnahmesituation verbunden wurde, so könnte er angesichts des subtilen Bruchs mit der Wirklichkeit auch mit dem Gedanken des Modells in Bezug gebracht werden. Denn genau in dem Ausmaß, in dem sich das Bild – durch die fotografische Methode – schließlich als Modell eines Ateliers von der realen Ausgangssituation entfernt, entstehen Zustände, die sich nicht nur zwischen Bild und Wirklichkeit verorten, sondern auch zwischen der Konzeption und der Rezeption von Kunst an sich.

An diesem Punkt könnte sich letztlich auch ein Paradigmenwechsel in der Bearbeitung von künstlerischen Projekten über Ateliers einstellen, in dem das Thema weniger der traditionellen Konzeption eines Künstlerporträts oder der Repräsentation von Autorschaft geschuldet ist, als vielmehr mit einer Unterhöhlung dieser ursprünglichen Bildbedeutungen einhergeht. Die Bilder von Artner repräsentieren eine andere Geschichte, die zwischen der Angemessenheit einer Sichtbarmachung und der Infragestellung des Gezeigten changiert – jenseits überkommener Mythen vom Atelier.


BIOGRAFISCHE DATEN DES AUTORS Martin Hochleitner, geboren in Salzburg. Leiter der Landesgalerie Linz und Professor für Kunstgeschichte und -theorie an der Kunstuniversität Linz. < back